Ist der Kapitalismus böse?
In den letzten Jahrzenten gerät der Kapitalismus (vor allem die reine
Form des Kapitalismus mit den Zielen der Kundenausbeutung und
Gewinnmaximierung, die anscheinend nur wenige Leute immer reicher und noch viel mehr
Leute immer ärmer macht) in Kritik und wird als Form des wirtschaftlichen
Handelns und Denkens verpönt. Überall wo
man über Kapitalismus spricht, hat man das Gefühl, Kapitalismus ist zur Zeit
nicht beliebt bei den Menschen, Kapitalismus ist schlecht! Viel mehr frage ich
mich, ob Kapitalismus außer Kontrolle gerät oder haben wir nie gelernt mit dem
Kapitalismus umzugehen? Tut der Kapitalismus uns tatsächlich nicht gut oder tut
er uns nicht gut weil es uns so gut geht? Nach welchen Wirtschaftsvorbildern
strebt unsere Gesellschaft? Und wenn der
Kapitalismus nicht die geeignete Form ist, was ist dann die Alternative? Geht es uns wirklich so schlecht, dass wir
den Kapitalismus ablehnen und nach anderen Formen suchen? Wann ist der
Kapitalismus bewusst unser Feind geworden, wenn wir fast täglich von seinen
Vorzügen profitieren, uns weiter entwickeln und danach streben, uns noch weiter
zu entwickeln. Da haben wir es... Kapitalismus ist unsere innere Uhr, unser
Getriebe, das uns finanziell, sozial und geistig viel weiter bringt als wenn es ihn nicht gäbe.
Zugegeben Maße ist der Kapitalismus nicht jedermann Sache. Ich behaupte,
dass Menschen mit „kleinen Aussichten“ im Leben, unstrebsam und „Mitschwimmer“
, im Kapitalismus untergehen. Sie
brauchen mehr Sicherheit, mehr Arbeitsplätze aber auch ein solides Auto und
Urlaub auf Mallorca. Es ist aber falsch zu behaupten, dass der Kapitalismus nur
für die Gewinner oder „starken Mitglieder“ dieser Gesellschaft gut ist, denn am
Ende einer Krise im Kapitalismus geht es immer noch allen viel besser als am
Ende einer Krise jedes anderen wirtschaftlichen Systems. Abgesehen von den negativen Behauptungen und
Bildern, die in letzter Zeit in unsere Konsumentenköpfe eingeschlichen sind,
frage ich mich, was ist noch gut am Kapitalismus?
Meine Kindheit verlief im starren sowjetischen Sozialismus mit wenig
Aussichten auf individuelle Entfaltung,
Erreichung persönlicher Zukunftsziele und Liberalismus. Als Kind haben mich diese
Aussichten auch wenig gestört, denn es gab Sicherheit, Oktjabrjata, Pioniere
und Arbeit für ALLE! Gummibärchen und Bananen gab’s leider nicht!
Aber es gab ihn, den magischen Schwarzmarkt, „Schmuggelware aus dem nicht
sowjetischen Westen“ . Ich weiß es, weil man Vater als Schlosser bei vielen
wohlhabenden Juden Heizung repariert hat, die noch einen geheimen Kontakt zum „Westen“ pflegten und
später dorthin emigrierten. Nach seiner Schicht brachte uns unser Vater
Packungen von Gummibärchen, schön riechende Shampoos und anderes leckeres Zeug“
aus dem „guten, ich betone kapitalistischen“ Westen“, die ihm Juden als
Bezahlung für seine gute Dienste gegeben
haben. Meine ersten Gummibärchen probierte ich mit acht. Meine Kindheit schien
mir auch ohne klebende süße Bärenfiguren glücklich. Nach der achten Klasse verließen wir mit
meinen Eltern die ehemalige UdSSR und mit ihr die „tollen strebsamen
Prinzipien“ der Gerechtigkeit, Gleichheit für alle und Sicherheit! Mir blieben
noch zwei Jahre in der sowjetischen Schule zu beenden, danach könnte ich eine
Aufnahmeprüfung an der Uni absolvieren und ein Studium aufnehmen. Ich wollte
gern Medizin studieren. Spätestens am Aufnahmeschalter beim Ausfüllen des
Aufnahmeformulars würde mir gesagt: „ Nein für Medizin brauchen Sie sich nicht
zu bewerben! Das Land braucht Ingenieure, Kinderärzte und Lehrer hat unser Land
genug“. Aber auch dort in der Bildung
gab es ihn, den Schwarzmarkt oder „gekaufte Gerechtigkeit“ oder „erkaufte freie Berufswahl“. Mein Vater müsste so und so viele Rubel
vorlegen, damit sein Kind das studieren kann, was es will.
Ich frage mich seitdem ständig, was es schlimmer ist, für seine „freie
Wahl“ ständig in die Tasche zu greifen oder das ständige Gefühl mit sich zu
tragen, dass in der Freiheit jemand anderer in deine Tasche greift, weil du
nicht in der Lage bist, die richtigen „wirtschaftlichen“ Entscheidungen zu
treffen? Letztendlich leben viele Menschen heute mit der Vorstellung
Kapitalismus sei schlecht, weil es die Menschen verdirbt, ihnen das letzte Geld
mit pfiffigen Ideen aus der Tasche zieht und sie viel ärmer oder viel dummer da
stehen lässt????
Denkt man zurück an die Zeit der florentinischen Händler, die die ersten
Formen des Kapitalismus in Europa geprägt haben, so vergisst man schnell, dass
der Kapitalismus die Menschheit verdorben hat. Die Blütezeit, die als
Wiedergeburt bezeichnet wurde, galt in Folge des entwickelnden Kapitalismus zur
Förderung vieler Künste, Medizin und Wissenschaft. Bis heute sind die
Fortschritte des Renaissance als Folge der immer reich werdender Stadt Florenz
des ursprünglichen Kapitalismus für die heutige Leitmotive der Wirtschaft prägend.
Was ich damit sagen will, dass das bestehende Wirtschaftssystem heute nicht
viel anders aussieht, nur die Bewusstheit der Menschen gegenüber dem was in
diesem System auf Grund der unendlichen Medien der Informationen stattfindet,
viel stärker ist. Während die Menschen in Renaissance unbewusst ihren guten
Willen, Strebsamkeit und Schöpferkraft folgten, wollen heute viele „bewusst“ mehr Geld, mehr Innovation , mehr
Konsumenten?
Trennen wir uns für einen Moment von der Idee, dass Kapitalismus nur auf
seine ökonomische Vorteile nur einiger Wirtschaftsmitglieder reduziert und
betrachten Kapitalismus global auf langfristiger Sicht. Aus meiner Sicht ist
der Kapitalismus nicht schlecht, wenn man frühzeitig lernt, seine Vorzüge zu
schätzen und seine Nachteile zu eigenen Vorteilen zu machen, so kann man aus
diesem System nur das „beste“ machen! Ich fasse die positiven Sachen am
Kapitalismus zusammen, die mir ohne einen gewissen Streben oder Bemühen sofort
einfallen, ohne dass man versucht alles im „heilen“ positiven Lichte
darzustellen.
-Kapitalismus schafft Freiheit, wie man letztendlich mit dieser Freiheit
umgeht, ist einem überlassen
- Kapitalismus fördert Wissenschaft und Künste
- Kapitalismus schafft Frieden und Gerechtigkeit
- Kapitalismus führt mehr zum bewussten Umgang mit der Naturressourcen
und seinen eigenen Finanzressourcen
-Kapitalismus schafft Arbeitsplätze
- Kapitalismus macht glücklich aber auch gierig
- Kapitalismus schafft Vielfalt
Ich weiß, dass viele dieser Gedanken auf starke Kritik stoßen wird, aber
ich bin der Meinung, lieber mit Kapitalismus als ohne???!!! Und schließlich,
lebend im Kapitalismus muss man ständig seine Entscheidungen in ihrer Mehrheit
abwägen und analysieren. Aber lieber lebe und lehre ich im Kapitalismus und
bringe meinem Nachwuchs und meinen Schülern rechtzeitig bei, wie man im
Kapitalismus zurecht kommt, als wenn man jemand anders für mich meine
Entscheidungen zu meinem „kleinen“
wirtschaftlichen Handeln und Denken trifft.
Zum vertieften Nach- und Weiterlesen empfehle ich die vorletzte Ausgabe
des GEO Magazins (69 Ausgabe) mit dem Titel DER KAPIATALISMUS, wo die
Kontraargumente und negative Folgen des Kapitalismus im Laufe der menschlichen
Geschichte noch deutlich hervorgehoben werden.