Donnerstag, 28. Januar 2016

„Alles Bio, alles gut?!“ - Die Wahrheit über Bio-Schweinemast

 

 
Wenn man bei Aldi, Lidl und co. Fleisch im Kühlregal liegen sieht, ist jedem bewusst unter welchen Umständen das Tier gelebt und hat und wie es gestorben ist. Von daher gehen wir zu unserem Neuland Fleischer oder an die Bio-Frischfleischtheke, um ein Stück Filet oder Schnitzel von einem glücklichen Tier zu kaufen. Denn das beruhigt zum einen unser Gewissen, zum anderen handeln wir nachhaltig und unterstützen den Biobauern für seine aufwendige Arbeit, das Fleisch nicht unter tierunwürdigen Bedingungen zu produzieren. Alles richtig gemacht, würde man meinen. Aber hat das Bio-Schwein, was meist 40-50% teurer im Verkauf ist, auch ein besseres Leben? Und für wen lohnt sich das Bio-Siegel wirklich?
 

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Bevor wir die Frage beantworten können, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie ein Bio-Schwein in unserer Vorstellung lebt. Es fängt an mit einem idyllischen Bauernhof fern ab der Stadt, mit grünen Wiesen soweit das Auge reicht. In unserer Vorstellung läuft nun dieses Bio-Schwein (wir nennen es hier Erwin) auf einer dieser grünen Wiesen mit seinen Artgenossen, grunzt vor sich hin und ist glücklich. Erwin wird nie krank, da er auf das schädliche Gen-Soja verzichten darf, welches nur in der Massentiermast gefüttert wird. Erwin kann sich also als kleiner Glückspilz bezeichnen, weil er zu den knapp 1% Schweinen in der Biozucht zählt und daher gesundes Bio-Futter, bestehend aus Weizen und Gerste bekommt. Er kann abends in einen Stall voll frischem Heu und wenn er wirklich mal krank ist, wird er mit alternativen Heilmitteln behandelt.
 
Wie sieht die Wahrheit denn nun aus? Kann es solch eine Vorstellung von einem Schweineleben im Wirtschaftskreislauf der Fleischproduktion wirklich geben? – Leider nein, denn in der Fleischproduktion ist das Bio-Siegel eine reine Farce aus Vorschriften, die für den Verbraucher gemacht wurde. Weder das Tier noch der Landwirt sind zufrieden damit. Erwin hat kein glückliches Leben und sein Landwirt hat extrem hohe Kostenaufwendungen und Vorschriften einzuhalten, denn die EU-Öko Verordnung, arbeitet wirtschaftlich. Die Auflagen für die Bio-Tierhaltung lassen die Unterhaltskosten steigen, da nur Bio-Produkte verfüttert werden dürfen. Antibiotika sind nicht verboten, die Wartezeit erhöht sich nur um einige Wochen, bis das Tier schließlich geschlachtet werden darf. Eine artgerechte Tierhaltung ist hiermit auch nicht gesichert. Denn ein 100kg Bio-Schwein hat einen Platzanspruch von 2,3 m² für sich. Auf diesem Platz kann es ca. 2-3 Schritte laufen und sich mit Glück einmal um sich selbst drehen. Eine Mastsau hat noch viel schlechtere Umstände, unter denen sie zu leben hat. Denn auch in der Bio-Schweinezucht sind sogenannte Kastenstände erlaubt und in ständiger Benutzung. Weder die Ferkel noch die Sau sehen in dieser Zeit das Tageslicht, das Mutterschwein kann sich in dieser Vorrichtung meist garnicht bewegen. Auslauf auf grünen Wiesen ist keine Vorschrift für Bio-Tiere. Die Tiere haben allerdings die Möglichkeit auf einem befestigten Boden ihren Freilauf zu genießen – eine kleine Fläche im Stall, in der sie sich den Freilauf auf Ihrem Bio-Siegel verdienen dürfen. Leider ist die Bio-Haltung von Schweinen sehr kompliziert, weswegen es kaum Landwirte gibt, die diesen Schritt auf sich nehmen wollen. Die Kosten steigen, die Auflagen werden strenger, Bio-Weizen und Gerste trägt häufig gefährliche Schimmelpilze mit sich, weswegen Sau und Ferkel erkranken, sterben oder nicht richtig wachsen können. Daraus folgt, dass Bio-Tiere viel häufiger mit Antibiotika behandelt werden müssen. Die Sterberate in konventionellen Betrieben, ist weit aus kleiner. Was ist also die richtige Einstellung? Aus welcher Sicht kann bzw. muss das beurteilt werden?
 
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Für die Schweine macht es kaum einen Unterschied ob bio oder konventionell, die Landwirte haben einen höheren Kostenaufwand aber handeln dennoch in die eigene Tasche. Denn wenn es ums Geldverdienen geht, ist es den Bauern ziemlich egal, ob die Tiere artgerecht gehalten werden. Und wir als Endverbraucher denken immer noch, das Erwin in der Theke der Neuland Fleischerei ein glückliches, schweinisches Leben genossen hat.
Es ist also schwer, im Bezug auf die Fleischproduktion und den eigenen Konsum wirtschaftlich zu handeln und auf Nachhaltigkeit zu plädieren. Die Vorschriften werden umgangen oder unsauber eingehalten. Viele Leute sehen nicht ein, etwas mehr für ein Stück Fleisch auszugeben, andere können es einfach nicht. Der Kreislauf wird solange bestehen bleiben, bis es eine Mehrheit an Verbrauchern gibt, die sich für den artgerechten und fairen Fleischhandel einsetzen wird. Dieses Bewusstsein in die Köpfe von Menschen zu projizieren, wird lange dauern. Und nicht überall erfolgreich sein. Denn der Mensch ist egoistisch und wird so handeln, wie er es mit sich selbst am ehesten vereinbaren kann. Der Kreislauf dieser Massenproduktion wird also nie enden, wenn es keine strengeren Vorgaben geben wird.
 

Quellen:
Marquart, M. und Christian Teevs. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schweinemast-vergleich-der-konventionellen-mit-bio-haltung-a-882816.html (28.01.2016)
Sebald, Christian. Herrmannsdorfer Landwerkstätten: Kritik an der Tierhaltung. http://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-hermannsdorfer-landwerkstaetten-von-wegen-artgerechte-tierhaltung-1.2837149 (28.01.2016)
o.A. Biohaltung von Schweinen. http://www.biowahrheit.de/inhalt/schwein.htm (28.01.2016)
o.A. Die Bio-Lüge. http://www.biowahrheit.de/inhalt/hintergrund.htm (28.01.2016)
EG-Öko-Basisverordnung (EG) Nr. 834/2007.
https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Landwirtschaft/OekologischerLandbau/834_2007_EG_Oeko-Basis-VO.html;jsessionid=02A3B3C60130B4E9EBF28C982BC8B772.2_cid358



Kommentare:

  1. Sehr interessant geschriebenes abstraft!
    Ich hab mir nie wirklich Gedanken gemacht, was Bio eigentlich bedeutet und ich gehe auch mal davon aus, dass der Großteil der Bevölkerung einfach nur davon ausgeht Bio ist "besser". Die beschriebenen Vorschriften sind unzureichend und das ganze hat mit Bio für mich nicht viel gemeinsam.

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  2. deinen Schreinstil finde ich toll. So macht das lesen eines solchen Blogeintrages sehr spaß.

    Ich glaub allerdeings, dass es erst eine veränderung der Schweinehaltungsverhältnisse gibt, wenn wir begreifen, dass wir nicht mehr so viel Fleisch essen können, wenn wir wollen das die Tiere glücklich leben. Nicht nur aus Geld gründen, sondern auch aus Kapazitätsgründen.

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  3. Interessantes Thema und interessant geschrieben!
    Ich selbst zähle mich auch zum Großteil der Bevölkerung für den Bio gleich besser ist, bzw war. In Zukunft werde ich wohl etwas skeptischer mit Bio-Produkten umgehen.

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